Eine Fabel zum Nachdenken...

Eines Tages stand ein junger Rehbock mitten auf einer wunderschönen grünen Lichtung und erklärte, dass er das schönste Herz im ganzen Tal habe. Alle Tiere des Waldes versammelten sich und sie alle bewunderten sein Herz, denn es war perfekt. Es gab keinen Fleck oder Fehler in ihm. Ja, sie alle gaben ihm Recht, es war wirklich das schönste Herz, was sie je gesehen hatten. Der junge Rehbock war sehr stolz und prahlte lauter über sein schönes Herz.

Plötzlich tauchte ein alter Hirsch vor der Menge auf und sagte: "Nun, dein Herz ist nicht mal annähernd so schön wie meines." Die Tiere und der junge Rehbock schauten das Herz des alten Hirsches an. Es schlug kräftig, aber es war voller Narben, es hatte Stellen, wo Stücke entfernt und durch andere ersetzt worden waren. Aber sie passten nicht richtig und es gab einige ausgefranste Ecken. Genauer an einigen Stellen waren tiefe Furchen, wo ganze Teile fehlten. Alle Tiere starrten ihn an. Wie kann er behaupten, sein Herz sei schöner, dachten sie.

Der junge Rehbock schaute auf des alten Hirsches Herz, sah dessen Zustand und lachte. "Du musst scherzen", sagte er, "dein Herz mit meinem zu vergleichen. Meines ist perfekt und deines ist ein Durcheinander aus Narben und Tränen."

"Ja", sagte der alte Hirsch, "deines sieht perfekt aus, aber ich würde niemals mit dir tauschen. Jede Narbe steht ein Tier, dem ich meine Liebe gegeben habe. Ich reiße ein Stück meines Herzens heraus und reiche es ihnen und oft geben sie mir ein Stück ihres Herzens, das in die leere Stelle meines Herzens passt. Aber weil die Stücke nicht genauso sind, habe ich einige raue Kanten, die ich sehr schätze, denn sie erinnern mich an die Liebe, die wir teilten. Manchmal habe ich auch ein Stück meines Herzens gegeben, ohne dass mir der Andere ein Stück seines Herzens zurückgegeben hat. Das sind die leeren Furchen. Liebe geben heißt manchmal auch, ein Risiko einzugehen. Auch wenn diese Furchen schmerzhaft sind, bleiben sie offen und auch sie erinnern mich an die Liebe, die ich für diese Menschen empfinde. Und ich hoffe, dass sie eines Tages zurückkehren und den Platz ausfüllen werden. Erkennst du jetzt, was wahre Schönheit ist?"

Der junge Rehbock stand still da und Tränen rannen über seine Wangen. Er ging auf den alten Hirsch zu, griff nach seinem perfekten , jungen und schönen Herzen und riss ein Stück heraus. Er bot es dem Alten mit zitternden Händen an. Der alte Hirsch nahm das Angebot an, setzte es in sein Herz. Er nahm dann ein Stück seines alten, vernarbten Herzens und füllte damit die Wunde des jungen Rehbock Herzens. Es passte nicht perfekt, da es einige ausgefranste Ränder hatte. Der junge Rebock sah sein Herz an, nicht mehr perfekt, aber schöner als je zuvor, denn er spürte die Liebe des alten Hirsches in sein Herz fließen. Sie umarmten sich und gingen weg, Seite an Seite.